Arzt-Patienten-Kommunikation: Zuhören ist Silber - Reden ist Gold!

Anja Lang, 27.01.2017

Die besten Therapievorschläge nützen nichts, wenn der Patient sie nicht versteht. Die große Bedeutung einer gelingenden Arzt-Patienten-Kommunikation unterstreicht eine jüngst veröffentlichte Umfrage unter Prostatakrebs-Patienten. Unterdessen gibt es Fortschritte bei der systematischen Verankerung des Themas im Medizinstudium.

Mehr als 200.000 Mal im Laufe seines Berufslebens führt ein Arzt Patientengespräche. Der Therapieerfolg hängt häufig davon ab, wie gut der Arzt es schafft in diesen Gesprächen nicht nur medizinische Informationen weiterzugeben, sondern seinem Patienten auch zuzuhören und ihm Ziel und Zweck der gewählten Behandlung patientengerecht zu erklären. Dieser Effekt konnte bereits in einer Reihe von Studien nachgewiesen werden (weiterer Artikel zu diesem Thema). Denn nur, wenn der Patient wirklich versteht, was er genau machen soll und vor allem warum, wird er die Anweisungen des Arztes entsprechend ernst nehmen und befolgen. Das ist besonders wichtig, wenn es um die Übermittlung niederschmetternder Nachrichten geht, wie etwa einer Krebsdiagnose. Das Gelingen der Arzt-Patienten-Kommunikation zu diesem Zeitpunkt ist entscheidend für die anschließende Zusammenarbeit und damit für die Lebensqualität des Patienten.

Studiendaten zur Arzt-Patienten-Kommunikation bei Prostatakrebs

Natürlich kann der Arzt darauf vertrauen, dass er im Gespräch schon den richtigen Ton treffen wird. Noch besser aber ist es, wenn er vorab über empirische Daten verfügt, die ihm helfen, die Wünsche seiner Patienten für das Arztgespräch gezielt einschätzen zu können. Aus großangelegten internationalen Patienten-Befragungen weiß man inzwischen, dass Patienten in Bezug auf ihr Geschlecht, ihr Alter, ihren Bildungstand und ihren kulturellen Hintergrund jeweils unterschiedliche Wünsche in Bezug auf die Arzt-Patienten-Kommunikation haben. Um diese Wünsche zu identifizieren, wurde der sogenannte „measure of patients preferences“ (MPP)- Fragebogen entwickelt und validiert, der die Kommunikations-Präferenzen von Patienten in Bezug auf die Mitteilung schlechter Nachrichten ermittelt. Mit der deutschen Fassung dieses Fragebogens (MPP-D) wurden 2014 die Präferenzen von in Deutschland ambulant versorgten Patienten mit Prostatakrebs in einer anonymen Patientenbefragung untersucht.

Prostatakrebs-Patienten: Wünsche zur Arzt-Patienten-Kommunikation

In der Zeit von Mai bis Oktober 2014 erhielten insgesamt 68 niedergelassene Urologen je 20 MPP-D Fragebögen, die sie an Prostatakrebs-Patienten weitergeben sollten. 709 Fragebögen kamen anonym ausgefüllt wieder zurück. Nach der Auswertung zeigte sich, dass die Teilnehmer schwerpunktmäßig zwischen 65 und 80 Jahre alt waren und zu fast 99 Prozent aus dem zentral-, west- oder nordeuropäischem Raum stammten. Süd- und Osteuropäer, die etwa 30 Prozent der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ausmachen und verhältnismäßig häufig an Prostatakrebs erkranken, waren damit deutlich unterrepräsentiert. Trotz dieser Einschränkung liefert die Studie interessante Ergebnisse.

Arzt-Patienten-Kommunikation Prostatakrebs: Information schlägt Emotion

Eine überwältigende Mehrheit von rund 99 Prozent der Patienten bezeichnete „Fachkompetenz und Patientenorientierung“, „umfassende Aufklärung“ und „Eindeutigkeit und Direktheit der Aussagen“ als wichtig oder sehr wichtig. Das zeigt, dass deutsche Prostatakrebs-Patienten bei der Arzt-Patienten-Kommunikation mit dem Urologen - gerade, wenn es um die Mitteilung einer schlechten Nachricht wie einer Prostatakrebs-Diagnose geht - sehr viel Wert auf den Informationsgehalt legen. Eindeutige Präferenzen gab es mit etwas geringeren Werten von durchschnittlich 91 Prozent, auch für die Subskalen „Nachhaltigkeit“, „Erfassung des subjektiven Informationsbedarfs“ und „Privatsphäre“. Interessant ist die Bewertung der Unterkategorie „emotionale Unterstützung“. Während 95 Prozent der Prostatakrebs-Patienten es hier mindestens wichtig finden, dass der Arzt ihnen im Gespräch über die Krebsdiagnose versichert, dass er „alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um sie zu heilen“, wünschen nur 20 Prozent, dass er im Gespräch ihre „Hand hält“ oder sie am „Arm berührt“.

Prostatakrebs-Patienten: Einbezug der Familie weniger wichtig

Das Thema „Einbezug der Familie“ spielt für deutsche Prostatakrebs-Patienten bei der Arzt-Patienten-Kommunikation eine eher untergeordnete Rolle. In der Befragung erhielt diese Unterkategorie mit nur rund 52 Prozent den insgesamt geringsten durchschnittlichen Wichtigkeitswert. Hier zeigte sich außerdem ein deutlicher Einfluss der soziodemographischen Daten: So bewerteten Jüngere oder Patienten mit Hochschulbildung den „Einbezug der Familie“ beim Patientengespräch über die Prostatakrebs-Diagnose seltener als wichtig als ältere Patienten oder Patienten ohne Hochschulabschluss.

Arzt-Patienten-Kommunikation: Bessere Ausbildung im Medizinstudium

Nicht nur in der Praxis, auch in der Ausbildung erhält die Arzt-Patienten-Kommunikation ein zunehmend stärkeres Gewicht. Dafür hat sich der Nationale Krebsplan, eine Initiative des Bundesgesundheitsministeriums, zusammen mit der Deutschen Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft sowie der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren aktiv eingesetzt. Lange Zeit gab es in Deutschland keine geregelten Qualitätsstandards, wie das Wissen um die Arzt-Patienten-Kommunikation im Medizinstudium vermittelt werden soll. Entsprechend unterschiedlich war bislang auch der Ausbildungsstand der approbierten Ärztinnen und Ärzte in diesem Bereich. Um hier endlich einheitliche Standards zu schaffen, wurde im Mai 2012 die Approbationsordnung für Ärzte geändert und die ärztliche Gesprächsführung explizit in der ärztlichen Ausbildung verankert. Gleichzeitig wurde auf Basis der Umsetzungsempfehlungen des Nationalen Krebsplans die Entwicklung eines sogenannten Nationalen longitudinalen Mustercurriculums Kommunikation in der Medizin (Longkomm) gestartet. Damit sollte endlich ein deutschlandweit gültiger Musterlehrplan für das Medizinstudium zum Training der Arzt-Patienten-Kommunikation am Beispiel von Krebspatienten geschaffen werden.

Medizinstudium: Arzt-Patienten-Kommunikation ab dem 1. Semester

Seit Frühjahr 2016 liegt der fertige Entwurf dieses Musterlehrplans nun vor. Er besteht aus drei Bausteinen: 300 Unterrichtseinheiten sind für die „Ärztliche Gesprächsführung“ gedacht. Hier sollen z.B. auch speziell geschulte Schauspieler zum Einsatz kommen, mit denen Medizinstudenten üben können. Weitere 50 Unterrichtseinheiten sind für den Bereich „interprofessionelle Kommunikation“ vorgesehen. Zur Spezialisierung und Vertiefung der Arzt-Patienten-Kommunikation im Rahmen des Wahlpflichtangebots stehen nochmal 100 Unterrichtseinheiten zur Verfügung.

Onlinedatenbank liefert Praxisbeispiele zur Arzt-Patienten-Kommunikation

Zudem wurde die neue Online-Plattform „Toolbox“ (www.medtalk-education.de/toolbox) eingerichtet, auf der die bundesweit besten Übungen und Trainingsmöglichkeiten zur gelungenen Arzt-Patienten-Kommunikation hinterlegt sind und online abgerufen werden können. Die Toolbox richtet sich in erster Linie an Lehrverantwortliche, die über diese Plattform die Möglichkeit haben, Lehr- und Prüfbeispiele über einen passwortgeschützten Bereich miteinander auszutauschen. Aber auch Interessierte können sich über einen öffentlichen Bereich einen ersten thematischen Überblick zum Thema Arzt-Patienten-Kommunikation verschaffen.

Heidelberger Erklärung: Universitäten fördern Arzt-Patienten-Kommunikation

Darüber hinaus haben sich die Vertreter von über 40 Institutionen zur ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung in der sogenannten Heidelberger Erklärung ausdrücklich dafür ausgesprochen, sich für eine Verbesserung der Ausbildung kommunikativer Kompetenzen bei angehenden Ärztinnen und Ärzten einzusetzen. Damit stehen die Ampeln auf „grün“ dafür, dass die Arzt-Patienten-Kommunikation in der Praxis noch besser gelingt und Ärzte wie Patienten davon profitieren können.

Quellen:

Merseburger, A.S., et al., Kommunikationspräferenzen von Patienten mit Prostatakrebs, Urologe, 2016, 55: 1339 – 1346, Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, 2016

Jünger, J., et al., Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen im Arztberuf am Beispiel der Onkologie, Forum 2016, 31: 473 – 478

Veröffentlicht am 20.02.2017

Zuletzt aktualisiert: 22.01.2019