PSA-Screening senkt Sterblichkeit an Prostatakrebs

Eine Reihenuntersuchung mittels PSA-Test senkt die Sterblichkeit zwar um mehr als 20%, so das Update der ERSPC. Voraussetzung für eine allgemeine Empfehlung wäre jedoch, mögliche Nachteile beziffern und vermindern zu können.

Unter einem PSA-Screening versteht man die regelmäßige Untersuchung beschwerdefreier Männer auf ein Prostatakarzinom mit Hilfe des PSA-Tests. Im Unterschied dazu empfiehlt sich nach den deutschen und europäischen Leitlinien (Leitlinienprogramm Onkologie, Mottet et al.) eine individuelle Früherkennungsuntersuchung (s. hierzu Früherkennung von Prostatakrebs). Das Screening wird dagegen nicht empfohlen und deshalb nicht als gesetzliche Krebsvorsorge durchgeführt. Denn es gilt als unbewiesen, dass es mehr Vorteile als eventuelle Nachteile hat:

Vorteil wäre vor allem das frühzeitige Erkennen von Prostatakrebs und damit eine Verringerung der Sterblichkeit der Männer an diesem Tumor. Hauptnachteile sind die Überdiagnose und Übertherapie (unnötige Untersuchungen und Behandlungen mit möglichen Nebenwirkungen): Schätzungsweise 40-50% der entdeckten Tumoren müssten nicht diagnostiziert und behandelt werden, weil längst nicht jeder Tumor weiterwächst und zum Tod führt.

Die europäische Langzeitstudie ERSPC (European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer) ist derzeit die aussagekräftigste Studie zum PSA-Screening. Sie startete 1993 und läuft nach wie vor. Ihre 9-Jahres-Ergebnisse wurden 2009 veröffentlicht, die 11-Jahres-Ergebnisse 2012 (wir berichteten, s. Diskussion um das PSA-Screening trotz positiver Ergebnisse und Neues zum PSA-Screening) Jetzt liegen die 13-Jahres-Ergebnisse vor:

Anlage der Studie

In diese Studie (Schröder et al.) wurden in acht europäischen Ländern zwischen 1991 und 2005 mehr als 240.000 Männer im Alter von 55 bis 69 Jahren aufgenommen und zufällig entweder der Screening-Gruppe oder der Kontrollgruppe zugeteilt. Der Screening-Gruppe bot man in der Regel 3-mal im Abstand von 4 Jahren kostenlos zumindest den PSA-Test an (in Frankreich 2-mal; in den Niederlanden bis zu 5-mal; in Schweden bis zu 10-mal alle 2 Jahre; in Belgien alle 7 Jahre). Die Kontrollgruppe erhielt dagegen kein solches Angebot.

Ergebnisse der Studie

Bei der jetzigen Auswertung wurden die Daten von mehr als 160.000 Männern bis zu einer Nachbeobachtungszeit von 13 Jahren berücksichtigt (ohne Frankreich wegen zu kurzer Nachbeobachtungszeit). In der Screening-Gruppe (72.891 Männer) wurden in dieser Zeit 7408 Fälle von Prostatakrebs festgestellt, in der Kontrollgruppe (89.352 Männer) 6107. Die Inzidenz des Prostatakarzinoms (Anteil der Neuerkrankungen) war damit in der Screening-Gruppe nach 9 Jahren 1,9-mal so groß wie in der Kontrollgruppe, nach 11 Jahren 1,7-mal und nach 13 Jahren 1,6-mal.

Trotz höherer Anzahl an entdeckten Tumoren waren in der Screening-Gruppe deutlich weniger Männer an Prostatakrebs verstorben als in der Kontrollgruppe (355 gegenüber 545). Daraus errechnete sich, dass das Screening das Sterberisiko an Prostatakrebs in absoluten Zahlen nach 9 Jahren (inkl. Frankreich) um 0,46 Tote pro 1000 Männer senkt, nach 11 Jahren um 1,02 und nach 13 Jahren um 1,28 (die letzten beiden Werte waren statistisch signifikant). Dies bedeutet, dass das Sterberisiko in relativen Zahlen um 15% nach 9 Jahren sinkt (statistisch unbedeutend), um 22% nach 11 Jahren und um 21% nach 13 Jahren (sogar um 27% nach Abzug der Männer, die trotz Einladung nicht am Screening teilgenommen hatten).

Um einen Todesfall an Prostatakrebs zu verhindern, mussten somit nach 9 Jahren 1410 Männer zum Screening eingeladen und dabei 48 Tumoren entdeckt (und ggf. behandelt) werden. Nach 11 Jahren waren es lediglich 979 Eingeladene und 35 Tumoren und nach 13 Jahren nur noch 781 Eingeladene und 27 Tumoren.

Diskussion der Ergebnisse

Die Sterberisiko an Prostatakrebs sank in relativen Zahlen zwischen 9 und 11 Jahren stark, zwischen 11 und 13 Jahren jedoch nicht weiter (s.o.). Im Gegensatz dazu nahm es in absoluten Zahlen, die für die Bewertung des Nutzens des Screening wichtiger sind, stetig ab. Die Zahl der Einladungen zum Screening, um einen Todesfall zu verhindern, verringerten sich im Verlauf enorm, von 1410 auf nur noch 781 (zum Vergleich: Brustkrebs bei Frauen 1339-2000).

Warum das Sterberisiko an Prostatakrebs in relativen Zahlen nicht weiter abnahm, ist unklar. Vielleicht liegt es daran, dass sich manche Teilnehmer nicht an die Regeln ihrer Gruppe gehalten haben. Dafür spricht zum Beispiel eine starke Zunahme von Prostatakrebsfällen in der Kontrollgruppe, die durch eine (in dieser Gruppe nicht zur Routine gehörenden) Biopsie entdeckt wurden. Möglicherweise ist für den vollen Effekt auch die Nachbeobachtungszeit nach der Krebsdiagnose immer noch zu kurz (im Schnitt 6,4 Jahre in der Screening-Gruppe und 4,3 Jahre in der Kontrollgruppe). Unterschiede in der Krebsbehandlung zwischen den Gruppen scheint es jedenfalls nicht gegeben zu haben.

Bei der Gesamtsterblichkeit zeigten sich keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen.

Die Überdiagnose, also der Anteil der unnötigen Untersuchungen beträgt schätzungsweise gut 40%. Um diese zu verringern, am besten durch das Vermeiden von Biopsien, und um die große Zahl der Männer zu senken, die gescreent, biopsiert und behandelt werden müssen, nur um einigen wenigen Patienten zu helfen, sind weitere Forschungen dringend nötig. Ein Ansatz hierzu könnte das so genannte multiparametrische MRT sein (eine Form der Kernspin-Untersuchung), mit dem sich bevorzugt gefährliche Tumoren entdecken lassen.

Schwächen der Studie sind unterschiedliche Daten der teilnehmenden Zentren, ungeplante Untersuchungen von Teilnehmern in der Kontrollgruppe (sog. Kontamination, 23-40%) und die kurze Nachbeobachtungszeit.

Fazit der Studie

Die Studie zeigt auch nach 13 Jahren, dass das PSA-Screening im Alter von 55 bis 69 Jahren die Sterblichkeit an Prostatakrebs deutlich um 21% senkt, beziehungsweise nach Abzug der Männer, die trotz Einladung nicht am Screening teilgenommen hatten, um 27%. Es müssen 781 Männer zum Screening eingeladen und 27 Fälle von Prostatakrebs entdeckt werden, um den Tod eines Mannes zu vermeiden. Voraussetzung für die Einführung eines PSA-Screening bleibt jedoch, dass sich mögliche Nachteile künftig beziffern und vermindern lassen.

Anmerkung

Teile der ERSPC aus einzelnen teilnehmenden Zentren wurden schon früher veröffentlicht: In der so genannten Göteborg-Studie von 2010 betrug die Senkung des Sterberisikos an Prostatakrebs nach 14 Jahren sogar 44%; zur Vermeidung eines Todesfalls mussten 293 Männer zum Screening eingeladen und 12 Betroffene behandelt werden (wir berichteten, s. Erneut positive Ergebnisse beim PSA-Screening). In Rotterdam (Roobol et al., Arbeitsgruppe von Schröder) waren es nach 12,8 Jahren eine Senkung um 32%, 392 Eingeladene und 24 Tumoren.

Quellen (u.a.)

  • Schröder, F. H., et al.: Screening and prostate cancer mortality: results of the European Randomised Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC) at 13 years of follow-up. Lancet, published online 7.8.14,
  • Roobol, M. J., et al.: Screening for prostate cancer: Results of the Rotterdam section of the European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer. Eur Urol 2013; 64: 530-539, DOI
  • Bublak, R.: PSA-Screening senkt die Krebsmortalität, aber … Artikel zu Schröder et al. mit Kommentar von L. Weißbach, Uro-News 2014; 18: 56
  • Meyer, M.: Früherkennung des Prostatakarzinoms: PSA-Screening senkt die krebsspezifische Mortalität. Dtsch Arztebl 2015; 112: A-676, (auch als PDF)
  • Rübben, H.: Prostatakarzinomfrüherkennung. Artikel zu Roobol et al. Urologe 2014; 53: 1362, DOI
  • Leitlinienprogramm Onkologie (Hrsg.): Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Version 3.0, September 2014. Neueste Version verfügbar auf der (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V.) über die als PDF
  • Mottet, N., et al.: Guidelines on prostate cancer. European Association of Urology (EAU), 5/2015. Neueste Version verfügbar auf der über die Seite der als PDF (englisch)

Weitere Informationen

Letzte Änderung am 15.07.2015

Zuletzt aktualisiert: 16.09.2019